Rezensionen

Siegel

Kernstück war die vom Publikum begeistert aufgenommene Uraufführung des Werks „Siegel“, das … Scartazzini im Auftrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und der basel sinfonietta komponiert hatte. … Dem Lyra spielenden Sänger und Urbild aller Dichter Orpheus hat Rilke seine berühmten Sonette gewidmet. In einer einnehmend suggestiven Weise, die vieles andeutet und letztlich doch kryptisch bleibt, hat Scartazzini das letzte von ihnen für Sopran und Orchester vertont. Auf einen wild eruptiven, spielerisch rhythmischen ersten Teil, zu dem die Sängerin nur Vokalisen beisteuert, folgt am Ende die weitgehend geflüsterte Rezitation des Gedichts. Das nunmehr völlig in den Hintergrund geratene Orchester umgibt die Worte wie mit einer Aura und lässt sich von ihnen buchstäblich anregen. Die Sopranistin Claudia Barainsky trug mit ihrem hellen Timbre und ihrer tiefgreifenden Ausgestaltung des Parts viel zum Gelingen bei, während das Orchester mit rhythmischer Versiertheit glänzte.
Fabian Kristmann, Basellandschaftliche Zeitung 22.1.2008

Wie eine Fortschreibung der von Hartmann erprobten grossorchestralen Klanglandschaft wirkte Andrea Lorenzo Scartazzinis Stück „Siegel“ für Sopran und Orchster, das in Gütersloh zwei Tage nach der Uraufführung in Basel in deutscher Erstaufführung zu erleben war. Das letzte der 15 „Sonette an Orpheus“ von Rainer Maria Rilke liegt dem Werk zugrunde, das der 36-jährige Komponist nicht in herkömmlichem Sinne vertonte, sondern als sprachliches Ausgangsmaterial für seine fesselnde Klangstudie nutzte. Man lief an diesem Abend wohl fehl, wollte man direkte Entsprechungen zwischen der esoterisch verschlossenen Lyrik Rilkes und der zerklüfteten Orchestersprache Scartazzinis finden. Es ist atemberaubend, wie der Komponist das Kollektiv auf die Solistin gleichsam hetzen lässt, eine furiose Musik der Aggression, durchsetzt von Schlagwerkexzessen und Bläserrufen, der die Sopranistin nur einzelne, schüchterne Vokalausrufe entgegenzusetzen weiss. Nach der Hälfte des rund 15-minütigen Stückes scheint sich das Orchestser am eigenen Wüten erschöpft zu haben. Der Sopran bekommt Gelegenheit, das Gedicht zu flüstern, rhythmisch flankiert vom gerippeartigen Orchesterklang und allmählich zu einer melodischen Linie zu finden. Ein Erlebnis.
Matthias Gans, Neue Westfälische, 24.1.2008