Rezensionen

Edward II.

Scartazzini’s insidiously expressive music is born of the natural rhythms and and melodies of speech, well supported by colorful, highly personal orchestral writing, which was beautifully laid out here by the conductor Thomas Sondergard. The cast threw themselves into their roles; thanks to their unconditional commitment and crystal-clear diction throughout, the score packed a terrific punch.
Opera, June 2016

Scartazzini’s musical language reflected the subject matter. As the evening began Scartazzini combined the instruments in the pit with electronics, making us question whether what we heard was real or perceived. His instrumental writing showed great assurance with multiple tone clusters, bluesy half-lights in the brass, and strings used like percussion with percussion used as strings, driving the melodic fragments forward. Certainly, the sheer assurance with which the Deutsche Oper chorus plucked stunningly- tuned tone clusters apparently from thin air was staggering. The border between song and speech was constantly crossed – the chorus’ writing at times reminding us of Moses und Aron in its use of sprechgesang and the principals alternating between speech and song. The vocal writing seemed to be quite singable on the whole but there were a few extreme leaps between the registers that the cast managed to execute with seemingly effortless ease. In many ways, with the big crowd scenes and individual passions this was very much a twenty-first century grand opera…
This was a gripping evening in the theatre, one that combined some astounding musicianship with virtuosic singing and a confidence in the handling of the large forces that inspired admiration.
Operatraveller

Das 90-minütige Stück ist harter Tobak, ist aufrüttelnd, bewegend, geht unter die Haut! Dicht ist der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassende Text, dicht ist auch die Musik: Chor und Orchesterpassagen, Syntheziserklänge, Tonbandaufnahmen wie aus der Ferne, Geräusche, Vogelgezwitscher. Es ist eine dramatische, sinnliche, immer wieder auch sehr zärtliche, atmosphärische Musik, Arien im klassischen Sinne gibt es zwar nicht in Scartazzinis Musiktheater, aber seine Musik bietet dem exzellenten Sängerensemble wirkungsvolle kantable Ausdrucks-möglichkeiten…
Dirigent Thomas Søndergaard setzt die Musik Scartazzinis so expressiv und sensibel um, wie Christof Loy das Stück in Szene setzt… Eine große Aufführung eines großen Stücks.
MDR Kultur, Opernmagazin, Dieter David Scholz

Wild, wuchtig, packend: Die Uraufführung von Andrea Lorenzo Scartazzinis „Edward II“ an der Deutschen Oper Berlin erzählt die Geschichte des schwulen englischen Königs.
Die allermeisten Menschen gehen in die Oper, weil sie emotional aufgewühlt werden wollen. Nichts ist logisch an diesem Genre, in dem die Darsteller singen statt sprechen. Und weil sie dadurch weniger Text pro Zeit bewältigen als im Schauspiel, sind die Handlungen extrem vereinfacht, wenn es sich um literarische Vorlagen handelt, nicht selten bis zur Blödigkeit. Doch es geht ja hier nicht um komplexe Reflexionen, sondern darum, möglichst viele Extremsituationen zu schaffen – die geradezu danach schreien, dass die Protagonisten ihrer Seelenpein in den höchsten Tönen Luft machen.
So gesehen haben der Komponist Andrea Lorenzo Scartazzini und sein Librettist Thomas Jonigk jetzt eine ideale Oper aus dem Geist des 19. Jahrhunderts erschaffen. Wuchtig, wild, wagemutig. 90 Minuten lang wird das Publikum durchgeschüttelt bei der Uraufführung von „Edward II“ am Sonntag in der Deutschen Oper. Packendes, kraftvolles Musiktheater geht da über die Bühne, saugt die Zuschauer in einen Strudel aus Bildern und Klängen, reißt Assoziationsräume auf, verführt, verschreckt…
Wer bereit ist, sich auf das Sujet einzulassen, erlebt eine Novität, die kraftvoller, praller ist als das allermeiste, was bei Kompositionsaufträgen sonst herauskommt. Weil Andrea Lorenzo Scartazzini über ein genuines Musiktheatergespür verfügt. Alles Verkopfte, mathematisch Ausgetüftelte liegt ihm fern, seine Partitur ist auch keine dieser fein ausgehorchten, aber letztlich blutleeren Klangfarbenspielereien.
Der Komponist aus Basel vermag das klingende Geschehen dagegen ganz aus dem Inneren seiner Figuren zu entwickeln. Die entäußern sich nicht in gezackten, quasi abstrakten Tonfolgen, sondern höchst lebendig, vielgestaltig vom rhythmisierten Sprechen bis hin zu echten Melodien, die sich aus dem natürlichen Fluss der Worte entwickeln. Diese sängerfreundliche Haltung ermöglicht es den Protagonisten, allen voran dem rückhaltlos sich hingebenden Michael Nagy in der Titelrolle, nicht allein das Ohr, sondern auch das Herz ihrer Zuhörer zu erreichen.
Ein altmodisches Konzept, das in der packenden Umsetzung durch Dirigent Thomas Söndergard und das Orchester der Deutschen Oper aber keine Sekunde lang rückwärtsgewandt wirkt, weil Scartazzinis Orchestersprache absolut eigenständig ist, atmosphärisch dicht, stets zum Extrem drängend, doch nie mutwillig grell oder überzeichnet, sondern einfach von einem starken Puls getrieben, einem Ausdrucksdrang, der selbst im Pianissimo stets von lauernder Intensität ist.
Frederik Hanssen, Der Tagesspiegel

Mehr als zehnminütiger, einhelliger Applaus für eine gerade in ihrer Reduktion musikalisch überaus eindringliche, in der Inszenierung erfreulich unplakative Produktion einer neuen Oper, der an der Deutschen Oper Berlin seit vier Jahren vorbereiteten Uraufführung von Andrea Lorenzo Scartazzinis „Edward II.“…
In klassischer Spielfilmlänge von knapp 90 Minuten verblüfft der 1971 in Basel geborene Komponist durch Ökonomie der Mittel: der große Orchesterapparat mit fünf Schlagzeugern klingt fast kammermusikalisch – so sparsam, aber gezielt sind Instrumenten-Gruppen und -Soli im Graben eingesetzt. Scartazzini gelingen neuartige und verblüffende Effekte, woran Harfe und Glasharfe einen großen Anteil haben. Trotz partiellem Einsatz von Vierteltönigkeit, Clustern und Aleatorik, Elektronik und Tonband- Einspielungen, wirkt die Partitur großenteils tonal. Mit ihren Bläserchören gemahnt sie an klassische, in den Gesangspartien an romantische Modelle und mit ihren farbigen Orgelmixturklängen an Messiaen…
Selten hat man ein Publikum nach einer Uraufführung so enthusiastisch erlebt wie nach dieser musikdramatisch aufbereiteten Geschichte einer Schwulenhetze.
Neue Musik Zeitung, Peter P. Pachl

Sehr farbig, bildkräftig, dicht ist die Musik des 1971 in Basel geborenen Andrea Lorenzo Scartazzini. Nie verdeckt sie die Gesangsstimmen. Sie schattiert die Einsamkeit des Königs (Michael Nagy), seine Gebrochenheit als gehetzter Aussenseiter. Aber auch die Figuren in seinem Umfeld – Gaveston, der alerte Liebhaber (Ladislav Egr, stets in Feinripp-Unterwäsche); Isabella, die verstossene Königin (Agneta Eichenholz); Mortimer, der diktatorisch auftretende Militärführer der Gegenpartei und Vertraute Isabellas (Andrew Harris); die beiden Comic-Helfer-Figuren –, sie alle entfalten ihre je eigene Aura. Und gleichfalls das Volk, das von der Regie wie eine strudelnde Masse geführt wird. Reichlich beschäftigt ist die Kostümabteilung (Klaus Bruns). Thomas Søndergård am Pult hält den grossen Apparat präzise und klangschön zusammen…
Der Beifall für dieses 90-minütige, filmschnitthaft geformte Werk war denn auch einhellig. Ein schöner Erfolg.
Neue Zürcher Zeitung, Georg-Friedrich Kühn

Allzu oft kommt es ja nicht vor, dass man nach der Aufführung einer zeitgenössischen Oper das Bedürfnis hat, das Werk gleich nochmals zu hören und zu sehen. Doch genau dieses Bedürfnis hatte ich gestern Abend nach der gut 90 Minuten dauernden Uraufführung von Andrea Lorenzo Scartazzinis neuer Oper EDWARD II. an der Deutschen Oper Berlin. Die vom Premierenpublikum heftig umjubelte und gefeierte dritte Oper (nach WUT und DER SANDMANN) des Schweizer Komponisten ist ein bedeutender Wurf geworden und verfügt über all die notwendigen Ingredienzien, welche das Werk hoffentlich über das Leben einer Eintagsfliege (das Schicksal vieler zeitgenössischer Opern) hinausführen werden: Aufgebot eines riesigen Apparats mit Chor, großem Orchester, Einspielungen ab Band, dankbare Rollen für die Solisten, ein brisantes, aktuelles Thema im historisierenden Stil einer Grand Opéra daherkommend – und last but not least ein überragendes Libretto von Thomas Jonigk…
Bereits beim ersten Anhören war man beeindruckt von den atmosphärisch dichten Schichtungen des Gesamtklangs, der Mixtur aus Live-Orchesterklang und Einspielungen ab Band, welche eine überwältigende Raumwirkung evozierten, der Behandlung der Stimmen der Solistin, der Solisten und des Chors. Es ist eine musikalische Sprache, die erotisch aufgeladen daherkommen kann, dann auch wieder brutal schneidend, grotesk oder fiebrig ist, gehetzt, sich in geisterhafte Visionen verästelnd. Doch obwohl das Orchester groß besetzt und mit aufwändigem Schlagapparat ausgestattet ist, werden die Stimmen nie überdeckt, die (wichtigen) Worte und Schimpfwörter („Arschficker, Schwanzlutscher“ hat man so deutlich auf der Opernbühne wohl noch kaum je gehört) waren stets deutlich zu verstehen. Thomas Søndergård am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin vermochte die Fäden (Solisten, Chor, Orchester, elektronische Einspielungen) stets zusammenzuhalten und sorgte für ein ausgewogenes, transparentes Klangbild, die Dissonanzen, die Reibungen waren zwar präsent, doch nie schmerzend oder das Ohr zu stark quälend…
In den letzten vierzig Jahren haben es nur ganz wenige neue Opern geschafft, dauerhaft Einzug ins Repertoire zu halten (z.B. Reimanns LEAR). Scartazzinis/Jonigks EDWARD II. wäre dies ebenfalls zu gönnen. Mit der effektvollen Mischung aus Sex and Crime sollte es doch möglich sein … .
Oper aktuell, Kaspar Sannemann

Natürlich ist es im Jahre 2017 nicht mehr wirklich mutig oder riskant, eine Oper in Auftrag zu geben, die das Thema Homosexualität explizit auf die Bühne bringt. Zumindest nicht mitten in Deutschland, in Berlin und an der Deutschen Oper. Doch selbst hier (und nicht nur in Warschau oder Moskau) könnte sich die eine oder andere Edelfeder mit verschwörungstheoretischem Eifer der angeblichen Verschwulung der Oper wieder mal das Wort reden. Von den alternativen deutschen Saubermännern und -Frauen gar nicht zu reden. Erledigt ist das Thema jedenfalls nur scheinbar. Der ungeteilte Beifall des Premierenpublikums nach der jüngsten Uraufführung im Haus an der Bismarckstraße war wohl auch nicht nur dem Respekt vor einer veritablen Kunstanstrengung geschuldet, sondern hatte in Bezug auf das Thema auch etwas von einem wohlfeilen Pfeifen im Walde. Mit einem Hauch von Berliner Szenen-Event. Wovon die beiden kömodiantischen Figuren im Stück am meisten profitierten, die Markus Brück und Gideon Poppe in wandelnder Gestalt aus der schwulen Klischee-Witzkiste entspringen ließen…
Wie überhaupt die Stimmen bei Scartazzini unter der umsichtigen Leitung des Orchesters der Deutschen Oper durch Thomas Søndergård geradezu melodisch und obendrein wortverständlich zu ihrem Recht kommen. Auch wenn die Originalität der Komposition mehr in den atmosphärisch dräuenden, oder vehement ausbrechenden, durchweg sinnlich und mit großer Geste orchestrierten instrumentalen Passagen liegen mag. Dass eine Opern-Novität sich nicht in eine selbstbezügliche Abgeschlossenheit flüchtet, sondern den Zugang zu ihren erzählerischen und emotionalen Grundierungen ebnet, kann man ihr kaum als Nachteil ankreiden. Michael Nagy und Ladislav Elgr verkörpern den König und seinen Lover mehr als getrieben Leidende, denn als wirklich brüskierend herausfordernde Typen. Jarrett Ott als Transen-Engel im Pailettenkleid spielt nicht als einziger, aber am deutlichsten metaphorisch die Klischees der attraktiven smarten Schwulen aus, auf die manch einer vielleicht einfach nur neidisch ist…
Die deutsche Bühne, Joachim Lange

Nach der Uraufführung an der Deutschen Oper Berlin, diesen abgründig dunklen, stürmisch sexuellen und burlesken neunzig Minuten explodierte die Applaussalve…
Schon im Vorfeld kochte die Neugier auf den riesigen Apparat im Orchestergraben und das gewaltige Tonequipment, über das Thomas Søndergárd zu walten habe, hoch. Umso größer die Überraschung, dass Scartazzini neben gewaltigen und extrem dichten Klangballungen von Reimannscher Intensität in sich ganz zurücknehmende Wirkungen fällt. Edwards Angst und Isabellas Begehren schälen sich aus geräuschartigen Klängen. Aus Kratzen, Scharren, hallenden Schritten. Toninventaren wie aus dem Film Noir werden satzartige Formgebilde in dieser Partitur, die bis zum allerletzten Takt eine faszinierende Klangvielfalt hält. Dann tönen Stimmen gläsern, klirrend, eisig über feinsten Streicher- und Percussion-Reibungen. Manchmal glaubt man Reminiszenzen an Früheres zu vernehmen, diese weiten sich zu ganz hohem Eigen- und Spannungscharakter. Auch darin spannend, dass Scartazzini Edwards und Gavestons Musiken wie aus einem erotischen Techno-Labyrinth fluten lässt. Dieses Tonmaterial sekundiert dann reißend die realen Gefahren für Juden und Homos. Klänge zwischen echter Gewalt und verführerischen Gewaltfantasien.
Neben diesen explizit schwulen Klangkonnotationen wird die frustrierte Königin Isabella zur Primadonna, die im Racherausch Sympathiepotenzial hat. Agneta Eichenholz wirft sich mit „Lulu“-Souveränität in einen Primadonnen-Part von schon anachronistischer Intensität. Isabellas Schicksal macht ebenso frösteln wie das der beiden Männer.
Scartazzini nutzt jedes Komma, jede Pause aus dem Textbuch Thomas Jonigks, das schon bei der Lektüre wirkt, als atme es dramatische Musik. Jonigk weiß Worte und Sätze zu runden, Scartazzini kann so aus Gesangparts intensive Power modellieren…
concerti.de Roland H. Dippel