Rezensionen

Der Sandmann

„Verrückt“ ist das letzte Wort von Clara am Grab ihres Nathanaels. Sie merkt, wie sich der Wahn ,der ihn in den Tod getrieben hat, ihrer bemächtigt. „Verrückt“ bleibt als Schlusswort von Andrea Lorenzo Scartazzinis Oper „Der Sandmann“ in den Köpfen der Zuschauer wie ein klärender Übertitel haften. Dann brandet Applaus auf – so viel gab es kaum je für eine neue Oper. Die Uraufführung von der „Der Sandmann“ am Theater Basel wird vom Premierenpublikum gefeiert. Der Jubel gilt dabei nicht nur dem Basler Komponisten Scartazzini und seiner dichten, grossartigen Musik. Er gilt auch dem Librettisten, dem Dramatiker Thomas Jonigk, dem Team um Regisseur Christof Loy und der Bühnenbildnerin Barbara Pral, dem Solistenquintett, dem Theaterchor, dem Dirigenten Tomas Hanus und dem Sinfonieorchester Basel. Gemeinsam bescheren sie dem Theater Basel einen grossen Erfolg (…)
Scartazzini hat eine stark dramatische, in ihrer Struktur vielschichtige Musik komponiert. Er gibt Nathanaels Wahn, den zerklüfteten Seelenlandschaften überhaupt ergreifenden Klang. Die Musik ist von aufwühlender Emotionalität . Die wenigen intimen Momente der Liebe sind betörend sinnlich. In Nathanaels Ausbrüchen türmt sich die Musik zum explosiven Gebilde auf. Die Gesangslinien erzählen erschütternd von den Seelenzuständen. Dirigent Tomas Hanus und das Sinfonieorchester Basel erhitzen Scartazzinis Musik buchstäblich, tun dies mit einem durchhörbaren Klang, der die Farbabstufungen detailliert auffächert. Meisterhaft singen die fünf Solisten und der Chor. (…) „Der Sandmann“, das ist grosse Oper ein in der musikalischen Sprache wie im Stoff hochaktuelles und aufrüttelndes Theaterkunstwerk.
Basellandschaftliche Zeitung, Christian Fluri

Nach seiner ersten Oper Oper „Wut“ hat Scartazzini mit dem „Sandmann“ erneut ein Bühnenstück geschrieben, das weniger um eine klar umrissene Handlung  als um verwirrende Emotionen und um die Relativität der Wahrnehmung kreist. Dabei hat Scartazzinis Musik … eine starke sinnliche Qualität … die Musik wirkt zwar modern , aber keineswegs abstrakt. Schon in den ersten Takten wird mit Akkordeon, Windmaschine, pochenden Orchesterschlägen und Geisterchor eine Atmosphäre des Gespenstischen, Unwirklichen erzeugt. Dann zerreisst ein Schrei des Nathanael die Stille. Es ist ein Schrei, der wirklich als Verzweiflungsschrei wahrgenommen werden will, kein abstrakter „schöner“ Schrei wie so oft in moderner Musik. Später fallen dem Komponisten so hübsche Dinge wie ein gurgelndes Holzbläserensemble, ein Trompetensolo oder eine Beerdigungsmusik der Blechbläser ein, die an klassische „Aequale“-Kompositionen erinnert. Bei aller Modernität seines Komponierens verliert Scartazzini nie den musikalischen Charakter aus den Augen. Er schreibt Theatermusik im besten Sinne. Über weite Strecken ist die Instrumentation so durchsichtig gehalten, dass der gesungene Text verständlich ist. (…) Scartazzini gestaltet die Gesangspartien nach dem Charakter der Personen: Die Automatenpuppe Clarissa singt fast nur springende Oktaven, während ihrem menschlichen Äquivalent Clara Musik von ausgeprägt melodischem Duktus zugeordnet ist. Das darf sogar ausnahmsweise einmal schön klingen. Nicht,  dass dies eine lyrische Pianissimo-Partitur wäre. Scartazzini, der sein Handwerk bei Rudolf Kelterborn und Wolfgang Rihm gelernt hat, haut auch ma kräftig auf die Pauke, führt die Musik an die Schmerzgrenze. Das Bedrohliche der Fantasiegespinste findet im Orchester… seine oftmals beklemmende Entsprechung. Aber auch die extremen Lautstärken sind hier wohl dosiert, sind bewusst eingesetzt, ebenso wie die Schreie des stark geforderten Basler Opernchors. Wobei der Chor gleich in der ersten der zehn Szenen mit suggestiven Zischlauten aufwartet, also keineswegs nur als Fortissimo-Maschine eingesetzt wird. (…) Das Premierenpublikum reagierte nach der achtzigminütigen pausenlosen Aufführung erst verhalten, dann mit beherztem Applaus auf diese Basler Novität, die international wohl einige Aufmerksamkeit finden dürfte.
Basler Zeitung, Sigfried Schibli

Musikalisch unterstreicht Scartazzini die beklemmenden Wahnvorstellungen Nathanaels, indem er diffuse Stimmen oder Klänge über Lautsprecher von verschiedenen Seiten auf das Publikum eindringen lässt, wodurch die Entfernung zum Geschehen auf der Bühne immer wieder aufgehoben wird. Diese Nähe zur Erfahrungswelt Nathanaels, die Scartazzini mit musikalischen Mitteln herzustellen wunderbar gelingt, wird aber immer wieder durchbrochen mit saloppen Sprüchen der beiden Toten, welche nicht mehr an menschliche Gefühlswelten gebunden sind und sich ungezwungen über Nathanaels Probleme und seine Erziehung unterhalten. (…) Zur Eindringlichkeit der Oper trägt zudem Scartazzinis intelligent komponierte Musik bei. Immer wieder schafft er musikalisch Diskrepanzen, indem etwa eine expressive Kantilene der Solovioline besonders kaltblütige Kommentare der Alten begleitet oder indem sich während der Versöhnung der Liebenden mikrotonale Reibungen der Streicher zur bedrohlichen Kulisse auftürmen.
Neue Zürcher Zeitung, Michelle Ziegler

Schon das erste Bild ist eine Blendung. Grell leuchten die Neonröhren der Bühnenumrandung; ihr Licht ist so gleissend, dass man unwillkürlich die Augen zukneift. Das Publikum darf es am eigenen Leib spüren: Ja, der Sandmann ist da, jene Figur, die so viele Gesichter hat – vom herzigen Plüschmännchen, das allabendlich vom Flimmerschirm aus Schlafsand in Kinderaugen streut bis hin zur gruseligen Schauerfigur, die in E.T.A.Hoffmanns gleichnamiger Novelle den jungen Nathanael in den Wahnsinn treibt. Was bei der Uraufführung von Andrea Lorenzo Scartazzinis neuer Oper am Theater Basel auf die Eröffnungsattacke folgt, ist eine rasante Geschichte um Traum und Wirklichkeit, um Traumata, die zum Wahnsinn führen, um sexuelles Begehren und die Frage, was denn Liebe sei. (…) Scartazzinis Musik … ist moderne Theatermusik im besten Sinne. Sie ist dicht, verwoben, meist laut und selten leise, sie ist temporeich und scheut den Affekt nicht, sie ist farbig, aber nicht bunt, sie mischt geschickt die Instrumente… (…) Warmer Applaus ganz ohne Gegenstimmen für eine Uraufführung, die zeigt, was zeitgenössische Oper alles kann. Es müssen nicht immer abstrakte Konstrukte sein; man kann auch einfach mal eine gute Geschichtre erzählen. Das ist hier nicht zuletzt dank all der grossartigen Darsteller aufs beste gelungen.
Tages Woche, Jenny Berg

(…) Beim ersten Aufeinandertreffen mit Nathanael zeigen sie sich gleich von der unzimperlichsten Seite: Ratatatam erschiessen sie die junge Hauptfigur. Der Maschinengewehrsalven-Lärm des Sinfonieorchesters Basel (…) ist ohrenbetäubend, die präzis aufgereihten Tonketten fliegen derart wild umher, dass man in Deckung gehen möchte. Es ist, als schreie uns die Musik entgegen: Vergesst eure Scheiss-Künstler-Romantik. Aber es ist ja alles nur ein Traum. Ein heftiger allerdings, denn die Musik ist tatsächlich nichts für Zartbesaitete. Überall kreischen die Klänge und laufen verwegen ineinander über, sodass mal panoptische Mobiles, mal gespenstische Tonwolkenkonstellationen herauskommen. Der von Ryan McKinny dargestellte Nathanael  etwa flüstert, stottert, stammelt, hechelt und verwandelt seine Kehle in einen surrealen Seismografen, dem keine noch so beklemmende Leidensgeschichte entgeht. (…)
Tages-Anzeiger, Tom Hellat

Die Musik selbst ist reich, atmosphärisch, stilistisch einheitlich, sehr anregend und greifbar. (…) Dass die Geschichte vom scheiternden Schriftsteller Nathanael und seiner möderischen Liebe zur Muse Clara (bzw. Automatenpuppe Clarissa) über ein mechanisches Figurenspiel hinausgeht, liegt wesentlich an Scartazzinis Musik, nicht zuletzt an seinem Mut zu deftigen Chorszenen.
Dissonance, Andreas Fatton

Eine nachtschwarze Bühne, eingerahmt von Neonröhren. Aus dem Orchestergraben steigen zuerst leise, dann anschwellend, mal sirrende, dann pochende Klangbilder. Flüsterstimmen eins unsichtbaren Chors werden hörbar, während im Dämmerlicht ein Tisch mit Schreibmaschine vor einer Bücherwand auftaucht. Ein Mann sitzt auf der rechten Seite. Der Mann schreit, bis sein Schrei in die Worte „Clara! Clara!“ übergeht. Ein Nachtstück hebt an, eine Halluzination in den Farben schwarz, rot, weiss; ein ungewöhnliches Stück Musiktheater, bedrohlich, verstörend, unheimlich. (…) Scartazzini komponiert den hellen Wahn, die Ununterscheidbarkeit zwischen Imagination und Wirklichkeit. (…) Ein Brocken von einem Stück, eine Herausforderung von 75 Minuten, souverän gemeistert von den Sängern und vom Sinfonieorchetser Basel unter der Leitung von Tomas Hanus. Starker Applaus.
Südkurier, Siegbert Kopp

Die von Tomas Hanus und dem Sinfonieorchester Basel präzise , dosiert und mit Verve zum Alptraumleben erweckte Musik Scartazzinis ist so intensiv wie bühnentauglich. Eng mit dem Parlando verschränkt, bietet sie vom Hecheln und Stöhnen, Schaben oder Scharren auf der einen Seite bis zu den verzweifelten Rufen Nathanaels nach Clara, harten Orchesterschlägen und einem faszinierend maschinell klingenden Tutti von 18 Clarissa-Doubletten eine szenischen Charme, der vom abrupten Wechsel ebenso profitiert wie von der beklemmenden Steigerung der klanggewordenen Anfechtungen des Protagonisten. Diese Oper hat alles, was sie für ein weiteres Überleben braucht. (…) Basel hat eine gefeierten Uraufführungserfolg zu vermelden. Ganz so, wie es dem an diesem Haus üblichen hohen Standard entspricht.
Frankfurter Rundschau, Joachim Lange

Anfangs ist es, als bohre sich ein stehender Klang ins Geschehen ein, Holzbläser erst, dann die Streicher, zögerlich zuerst und aufs Melodische bedacht, und immer eindringlicher ins Zwischenreich von Realität und und Alptraum eintauchende Chorvokalisen (…) Der Handlung bleibt die Musik dicht auf den Fersen. Ihr Klangsinn ist gross, desgleichen das Gespür für tönende Intimität  (…) So wie sie aus dem Nichts hervorwuchs, in die Vorgänge hineinleuchtete, so versinkt die Musik am Ende auch wieder darin. Allerhand! Gewandt verfügt Scartazzini auch über die vokalen Mittel, ob sich nun die Rezitative betont sanglich geben oder die beiden Alten häufig ins Melodram, ins orchestergestützte Sprechen driften (…)
Badische Zeitung, Heinz W. Koch

Effektsicher ist diese Musik allemal, Scartazzini versteht sein Handwerk und erntete verdiente Bravo-Rufe.
Die Welt, Stephan Hoffmann

Lange bleibt die Bühne dunkel. Gleissend hell ist ihr Rand illuminiert, der Kasten selber tief schwarz. Musik tastet sich herauf – ein zunächst nicht besorgniserregendes Orchester-Prélude, wie es auch in konzertantem Kontext  erscheinen könnte. Da es aber aus dem Dunkel kommt und nolens volens die Aufmerksamkeit auf die mit der „Sandmann“-Thematik angekündigten sinistren  Begebenheiten richtet, beginnt man womöglich, einzelnen Klangfiguren und Signalen grössere und spezifische Aufmerksamkeit beizumessen. Stochert dies Instrumentalvorspiel nicht doch irgendwie in einer zwischenzeitlich in Vergessenheit geratenen Kindheit, einer von vielfältigen Verdrängungen geprägten Jugend? Der Tonsatz gewinnt jedenfalls zunehmend schärfere Konturen und „bedient“ des Weiteren dann die Theatersituationen passgenau. Auch die Ökonomie und Treffsicherheit der bei den Singstimmen eingesetzten vokalen Mittel beginnt zu überzeugen: Andrea Lorenzo Scartazzinis Partitur prägt neben Partien des Beziehungsparlandos von zwei jungen Leuten, Nathanael und Clara, deren individuelle Charakterisierung aus. Den Ich-Erzähler Nathanael zeichnen das Libretto, die Musik und die präzise passende Inszenierung von Christof Loy übereinstimmend als völlig ichbezogenes Element mit geballtem Leidensdruck, Melancholie, Leidens- und Versagens-Ängsten bei gleichzeitiger Tendenz zur Selbstüberschätzung. Im Kontrast dazu sie – Clara – als die positiv gestimmte, rechtschaffene, wohlmeinende und blitzsaubere Bankbeamtentochter, die sich mit einem demonstrativen Ton des Entsagungsvollen „für ihn entschieden hat“. Ein leise terroristischer Geruch der gesellschaftlichen Normalität geht von ihr aus. Die Sopranistin Agneta Eichenholz, Clara und zugleich Claras Gegenbild, die „rassige Italienerin“ Clarissa, kann mit der gelegentlich ziemlich exaltierten Doppel-Partie eine stattliche Bandbreite weiblicher Werbeschemen und Beziehungsclinch-Techniken extrapolieren. Die Musik erscheint gekonnt zugespitzt auf theatrale Situationen. (…) Von besonderer Delikatesse erscheinen auch zwei schrill und grotesk ausgestattete Charakter-Partien, mit denen die beiden geheimbündlerisch verbundenen alten Herren vorgeführt werden: Nathanaels auf grässliche Weise zu Tode gekommener Vater und dessen Compagnon Coppelius, der einst „Sandmann“ genannt wurde. (…) Überhaupt zeichnet sich das Jonigk-Scartazzini-Theater durch etliche treffsichere Pointen aus. (…)
nmz, Frieder Reininghaus

Während sich das Libretto dieses zwischen Wahn, Traum und Wirklichkeit oszillierenden Künstlerdramas einer heutigen, direkten, eher trockenen Sprache bedient, ist die Komposition (…) <von> Scartazzini voller Emotionalität. Mal in feinen Bläser- oder Streichersgespinsten, mal in vielsagendem Solistenparlando und lautmalerischem Chorgeblubber, mal in schrägen Ziehharmonikafetzen, Celestageklingel und schroffen Klanggebirgen lässt er Nathanaels Kindheitstrauma impoldieren und explodieren. Der musikdramaturgisch raffiniert gebaute Psychothriller  setzt auf fliessende Übergänge und Kontraste, entwickelt auch deshalb seinen besonderen Reiz, weil der gegebene Ernst immer wieder gebrochen wird. Die Ironie, die vor allem in den nur für Nathanael sichtbaren Gespensterfiguren steckt, kommt in der atmosphärisch dichten und stimmigen Uraufführungsinszenierung schlagend zur Geltung. Die Produktion ist ein Musterbeispiel dafür, warum das Theater Basel zu Recht 2009 und 2010 von der internationalen Fachzeitschrift „Opernwelt“ gleich zweimal hintereinander zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt wurde. (…) Scartazzinis Oper funktioniert! Auch sein „Sandmann“ steht auf surrealem, schwankenden Boden und streut uns Sand in die Augen, von dem man gerne noch mehr hätte.
Fränkischer Tag, Monika Beer