Fünf Sterne

Andrea Lorenzo Scartazzini schaut für das Collegium Novum in den Himmel

„Kassiopeia“ wählt Andrea Lorenzo Scartazzini als Titel seiner neuen Komposition für das Collegium Novum Zürich: Sinnbild für sein fünfsätziges Ensemblestück sind die fünf Sterne, die zusammen ein „W“ und eines der hellsten Sternbilder am Himmel bilden.

Eine Metamorphose, die der Komponist wie einen alchimistischen Prozess beschreibt, ist Ausgangspunkt von Kassiopeia, der neuen Ensemblekomposition von Andrea Lorenzo Scartazzini. Im ersten und im fünften Satz wird sein früheres Stück scongiuro in eine jeweils andere Stofflichkeit verwandelt. Im fünften ist dies ein Vorgang des Anreicherns, des Verstärkens von inneren Bezügen, der klanglichen Verdichtung. Der erste Satz reduziert das Material auf eine Art Schwarzweißzeichnung. Mit einem leisen Raunen, einem Wirbel der großen Trommel über Kontrabasspizzicati, hebt das Stück an und entfaltet dann in Klavier, Perkussion, Violine, Cello und Kontrabass zunächst eine gedämpfte Klanglichkeit. Doch vollzieht sich eine Steigerung. Ein dreimaliges Neuansetzen dieses geheimnisvollen Beginns strukturiert den Ablauf des Satzes, der, wie Scartazzini sagt, erst am Schluss „zu leuchten oder glitzern“ beginnt. „Bei der Perkussion habe ich sämtliche klingenden Instrumente vermieden, so dass es insgesamt einen trocken dumpfen, knöchernen Klang ergibt, ähnlich wie ein Gerippe, wie ein Kupferstich oder eine Radierung.“ Im fünften Satz wird die dreiteilige Steigerungsform dann in eine rauschhaft-gläserne Klanglichkeit in voller Besetzung mit Bläsern und Harfe, sozusagen in eine volle Farbigkeit, gekleidet. „Man könnte dieses Vorgehen parallel zu Verfahren in der Malerei sehen, Themen in anderen Stofflichkeiten zu bearbeiten oder Materialien immer wieder aufzugreifen.“

Um archaische Wirkungsmuster und Klanglichkeiten geht es in dieser Komposition: „Seit einiger Zeit fasziniert mich der rituelle Aspekt von Musik, Formen des Wiederholens. Dieses Interesse steht im Gegensatz zu meiner früheren musikalischen Sprache, die ich eher als organisch wuchernd beschreiben würde: wie ein Gewächs, das sich entwickelt und weiterwächst, oder wie eine Musik des Werdens, die durchaus rhapsodisch gedacht war. Im Gegensatz dazu fasziniert mich in den neueren Stücken der Aspekt des Wiederholens. Schönberg sagte, dass wir erst Form erkennen können, wenn eine Gestalt wiederholt wird, das heißt wieder erkannt werden kann. So findet man seinen Platz in der Musik.“

Der Titel des Werks bezieht sich ausschließlich auf das Sternbild und nicht auf die mythologische Figur Kassiopeia. Bezugspunkt ist die quasi-symmetrische Erscheinung des Sternbilds und die poetische Klangwirkung des Namens, dessen vokalische Abfolge auch in sich symmetrisch ist (A – I – O – EI – A). „Der Titel soll nicht nur poetisch sein, sondern zugleich auch etwas über die formale Gestalt des Stückes ausdrücken; in diesem Fall geht es um fünf Sätze (Gestirne), die zu einem Ganzen finden. Die eng verwandten (bzw. verwandelten) Außensätze finden ihre Entsprechung in der Lautfolge des Titelworts (zu Beginn und am Schluss ein A), in der Mitte ein kreisender Satz ohne Anfang und Ende, ein Ruhepunkt, der einer Zeitlichkeit enthoben ist, passend zu dem kreisenden O. Auch der zweite und der vierte Satz werden Affinitäten aufweisen, dies aber in versteckterer Form. Harmonisch finden die mittleren Sätze zu einer größeren Weichheit der Klänge, während die Tonalität der Ecksätze expressiv geschärft ist.“

Die Faszination des Archaischen verklammert die jüngeren Stücke Scartazzinis. So komponiert er in scongiuro, auf das sich Kassiopeia bezieht, eine „Beschwörung“ oder „verhüllt“ in Siegel für Sopran und großes Orchester ein orphisches Sonett von Rilke. Mit der Sehnsucht nach einer bestimmten rituell-kultischen Form von Musik hängt auch sein Interesse am Musiktheater zusammen, das per se in einem solch kultartigen Charakter besteht. „Mir geht es um narrative Qualitäten in einer dramatisch angelegten, gestalthaften Musik, die den Zuhörer ergreifen und mitnehmen soll und das Gegenteil von polierter Oberfläche ist. Siegel zum Beispiel ist eine differenzierte Partitur mit vielen Schichten und Ebenen, trotzdem war das Ziel nicht eine möglichst komplexe Ohrenfälligkeit, sondern dass man diese Musik als sinnliches Erlebnis aufnimmt. “

Marie Luise Maintz

aus [t]akte 2/2008

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