Partitur Andrea Lorenzo Scartazzini

ANDREA LORENZO SCARTAZZINI

Graben von der Scherbe bis zum Tempel

Ein Gespräch mit Andrea Lorenzo Scartazzini

Im Auftrag der Basel Sinfonietta hat Andrea Lorenzo Scartazzini sein neues Orchesterwerk mit Gesang Siegel komponiert. Auf die Uraufführung in Basel am 20.1.2008 mit Claudia Barainsky (Sopran) und der Basel Sinfonietta unter Leitung von Peter Hirsch folgte am 22.1.2008 die Deutsche Erstaufführung in Gütersloh.

takte: Ihr neues Werk für Sopran und Orchester nennen Sie "Siegel". Wie sind Sie zu diesem gleichzeitig in sehr unterschiedliche assoziative Richtungen weisenden Titel gekommen?
Andrea Lorenzo Scartazzini: Ein Siegel hat eine ganz besondere und, wie ich finde, sehr schöne Funktion: Es steht nicht für sich selbst, sondern für etwas anderes, eine Botschaft, die es zugleich verschweigt. Mein Orchesterstück schließt mit einem Text Rilkes, das Sonett versiegelt das Stück gleichsam, und in seinen betörenden Sprachbildern nimmt etwas bloß zu Ahnendes Gestalt an, das sich logischem Zugriff entzieht und wie ein Siegel auf etwas geheimnisvolles "Dahinterliegendes" verweist.

Das letzte der "Sonette an Orpheus" von Rilke, für das Sie sich entschieden haben, ist in der Tat höchst metaphernreich, rätselhaft und es ist zugleich faszinierend, wie es sich der Deutbarkeit widersetzt. Ihre Partitur zeigt ungewöhnliche Verbindungen von Text und Musik, auch des "Herauswachsens" vom einen aus dem anderen, auf. Hat sich das aus dem Text ergeben, oder existierte zuerst dieses kompositorische Anliegen und orientierte sich daran die Textwahl?
Letzteres. Was ich komponieren wollte, stand mir klar vor Augen und lange habe ich nach dem richtigen Text gesucht. Da für diese Komposition das Kultisch-Rituelle zentral ist, dachte ich ursprünglich, in uralten Dichtungen fündig zu werden; plötzlich hat sich für mich aber herausgestellt, dass das Rilke-Sonett diese von mir gesuchten Aspekte in sich trägt.

Ist dieser Aspekt des Kultischen, Rituellen, des formelhaft Beschwörenden eine Weiterführung einer musikalischen Idee, einer Facette aus Ihrer Oper "WUT", in der dieser urtümliche, stark geräuschdurchsetzte Ton gleichfalls in Teilen der Komposition vorherrschte?
Ich habe schon vor meiner Oper ein Ensemblestück mit dem Titel scongiuro (Beschwörung) geschrieben. Es sind eben diese genuin musikalischen Ausdrucksformen, die mich interessieren. Das heißt nun aber nicht, dass es möglichst ungeschlacht zugehen soll. Gerade die Verbindung von hoch spezialisiertem Vokabular der zeitgenössischen Musik mit einer unverbrauchten und trotzdem urtümlich-rituellen Form ist eine reizvolle Herausforderung.

Jedem Hörer erschließt sich sofort die zweiteilige Anlage Ihres neuen Werkes. Der Kontrast zwischen diesen Teilen geht bereits aus den Spielanweisungen hervor: Über dem ersten Abschnitt steht "archaisch, schrundig, rauh", über dem zweiten "zart, geheimnisvoll". Ist die dem Ganzen zugrundeliegende Idee die eines Espressivos, das über zwei vollkommen gegensätzlich ausgerichtete Wege erreicht wird?
Das Espressivo ist tatsächlich eines meiner zentralen kompositorischen Anliegen und es ist, wie Sie sagen, auf unterschiedliche Art und Weise zu erreichen. Ein gegensätzlicher musikalischer Charakter verstärkt zudem die Eigenheiten des jeweils andern Satzes.

Inwieweit ist die graduell unterschiedliche Textverständlichkeit des Rilke-Sonetts Teil des kompositorischen Konzeptes? Erlebt der Hörer zu Beginn in den Formeln, die vom Sopran auf Vokalen gesungen werden, eine Art "vorsprachliches" Stadium?
Es wirken verschiedene Gestaltungsprinzipien. Wie Zaubersprüche lösen zu Beginn des ersten Satzes Vokalisen der Singstimme heftig-gewaltsame Ausbrüche im Orchester aus, während im zweiten Satz der umgekehrte Weg beschritten wird: Geräuschhafte, auch gesummte Passagen des Orchesters münden schließlich in einen wispernden Sotto-voce-Gesang des Soprans. Zugleich sind die Vokalisen tatsächlich als Vorstadien zur Textebene am Schluss zu verstehen; oder, um eine andere Metapher zu bemühen: Man gräbt sich wie ein Archäologe von der Scherbe bis zum Tempel vor.
Die Fragen stellte Michael Töpel

[aus [t]akte 2/2007]


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