Andrea Lorenzo Scartazzini

In den sieben Tableaus von WUT wechseln Ariosi mit aktionsverhafteten oder auch mit eher kontemplativen Ensembles, worin man möglicherweise einen gewissen Einfluss, in jedem Fall aber die intime Kenntnis der Nummernoper italienischer Provenienz ablesen kann. Trotz der relativ kurzen Aufführungsdauer dieser Oper wird man nirgends mit Skizzenhaftigkeit, sondern vielmehr mit Stringenz konfrontiert. Pointierte Kürze ist ohnehin eines der stilistischen Merkmale Scartazzinis: Ein sehr feines Empfinden für die angemessene Proportion und Dauer von Zuständen, Entwicklungen zeichnet auch diese Partitur aus, eine suggestive, bezwingende Wirkung des feinfühligen, rechtzeitigen Erreichens und Verlassens der Amplituden in der Spannungskurve im Detail wie in der großen Form. Die Instrumentation, die sublime Abmischung der Klangfarbe setzt Scartazzini in souveräner Weise ein als eines der wesentlichen Mittel zur musikalischen, non-verbalen Beschreibung, Inszenierung, die auch Psychologisierung ist, wobei es durchaus auch drastisch zugehen kann, wenn es die Handlung verlangt (und diese Handlung verlangt das an ihren Kulminationspunkten). In diesem Sinne wird auch der Katalog der instrumentalen Spieltechniken mit unverbrauchten Klangfarben höchst wirkungsvoll und kenntnisreich aufgeblättert. Den Schlagzeugern kommt eine wichtige Rolle zu - z. B. in der Prozession mit dem Sarg der Ines (5. Bild). Hier dringt ein eigentümlich archaisch-kultartig wirkender "Sound" durch. Mittels sehr fein erfundener und kalkulierter Instrumentierung wird diese Klangkonnotation provoziert, hierfür werden u. a. die große, mit Birkenruten geschlagene Trommel, ein sog. Löwengebrüll, speziell gespielte Pauken - auch in Kombination mit einer auf dem Paukenfell liegenden Tempelschale - sowie ein tibetisches Muschelhorn eingesetzt.

Andrea Scartazzinis Oper beginnt mit der Nachricht von der gerade auf Geheiß des Königs ausgeführten Ermordung der Ines, und Pedros Auflehnung gegen dieses grausame Schicksal, das unfassbare Verbrechen, welches der Vater ihr aber ebenso auch ihm angetan hat. Trauer und Wut vereinen sich zu einem einzigen Ziel: Rache! Pedro sucht und verfolgt manisch die Spuren seiner Geliebten, selbst ihren Mord will er nachstellen - alle sollen es wissen! Kann dies die Gegenwart der Angebeteten ersetzen? Das Volk zwingt er, der Toten als ihrer Königin zu huldigen - bei aller Brüchigkeit seines Wahns: "Ines lebt, finde ich ihr Lachen. Ich fange ihr Lachen wie einen Vogel." Dem überkommenen unbedingten Glauben an ein Jenseits, ein Danach setzt zunehmend das neuzeitliche Denken zu: Pedro und seine Helden ahnen bereits das Nichts, das dem Tod möglicherweise folgt, in ihnen explodiert die Erkenntnis des Ausgesetzt-Seins in der Einsamkeit einer kargen Welt. - Und dann berichtet eine andere, in der Gegenwart spielende Geschichte vom Erleben einer ähnlichen wahnsinnigen Liebe aus der Sicht der Angebeteten: der Frau. Michael Töpel